Streich und Hader

Zwei Menschen, die mit Politik direkt nichts zu tun haben, die aber deshalb für die Gesellschaft ausgesprochen bedeutend sind. Der eine Fußballtrainer, der anere Kabrettsit aus Österrreich. Der eine bekam den Memminger Freihetispreis, der anderer startet mit seinem neuen Kaberettprogramm.

Christian Streich bekam am 03.10.2025 den Memminger Freiheitspreis.

Bild Memminger Zeitung 04.10.2025

„Ich hab ja eigentlich nichts besonderes gemacht, ich hab nur meine Meinung gesagt.“

„Der Preis ist eigentlich zu groß für mich. Aber ich nehme ihn dankbar an für alle diejenigen, die jeden Tag zur Arbeit gehen und wiedersprechen wenn jemand Blödsinn erzählt.“

Wir finden, Christian Streich ist der beste Preisträger, den es geben kann. Nicht von sich eingenommen, aber mit einer klaren Haltung. Keine großen Auftritt, aber wenn es nötig ist klare Worte. Keine großen wirkungslosen Gesten, aber viele kleine Statements.

Er hat eine Reichweite und erreicht Menschen, die noch kein Preisträger erreicht hat.

Es kann von sich in Anspruch nehmen, einer von uns zu sein ohne sich anzubiedern. Welche Politikerin, welcher Politiker kann das von sich behaupten.

Sein Auftritt in Memmingen war genau in diesem Geiste und es war für viel Menschen eine Wohltat, so einen Menschen erleben zu dürfen.

Claudia Roth hat in ihrer Laudatio genau die richtigen Worte getroffen. Ihr Beitrag war eine Wohltat, im Gegensatz zu Söders Rede bei der Eröffnung von 500 Jahre Bauernartikel in Anwesenheit von Bundespräsident Steinmeier im März 2025.

HIER kann die Preisverleihung in der Martinskirche in kompletter Länge angeschaut werden

Josef Hader im Interview

Satiriker und Kabarettisten haben ja ein besonders sensibles Gespür für Veränderungen in der Gesellschaft. Warum gelingt es der Politik nicht, den politischen Trend Richtung Rechtsaußen wieder zu stoppen?

Hader: Oh – das sind aber viele Gründe. Die alle aufzuzählen, würde hier den Rahmen sprengen. Mir fiele spontan ein, dass das große Versprechen der etablierten Parteien seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gilt: Dass es fortwährend aufwärtsgeht und die nächste Generation es besser haben wird als man selbst. Auch ist nicht mehr gewährleistet, dass man mit einem 40-Stunden-Job eine Familie ernähren und sich für die Kinder eine gute Ausbildung leisten kann. All diese alten Versprechen bröckeln. Das hängt in meinen Augen damit zusammen, dass der Neoliberalismus jede Umverteilung nach unten immer stärker eingeschränkt hat. Jetzt kommen die rechten Parteien, deren Geschäftsmodell es ist, zu behaupten, sie würden die Schuldigen der Misere kennen: also Ausländer, die EU und die Sozialschmarotzer. Vor allem alles, was über den Begriff der Nation hinausgeht, weil die Nation ist ja ihr Superheilmittel. Die Rechten machen ihr Geschäft mit der schlechten Laune der Menschen. Eventuell haben auch die Politikerinnen und Politiker nicht mehr das Format früherer Zeiten. Es gibt kaum mehr Quereinsteiger, wenig interessante Persönlichkeiten. Und falls sich eine komplexe Persönlichkeit in die Politik verirrt, wird sie sofort von den Parteisoldaten mit feinem Gespür identifiziert und nach Strich und Faden fertig gemacht. Nur sind die Parteisoldaten oft nicht die beste Besetzung für Spitzenämter, in denen man vielleicht unangenehme Entscheidungen treffen sollte und sie den Menschen erklären.

Wie steht es um die freiheitliche Demokratie?

Hader: Die liberale Demokratie ist in einer schweren Krise, das ist offensichtlich. Immer mehr Menschen glauben inzwischen, dass sie kein Modell für Lösungen ist. Und die Parteisoldaten tun ihr Möglichstes, um diese Meinung zu bestätigen. Ich würde gern hoffnungsvoller sein. Andererseits hat noch jede Generation Lösungen für die Probleme ihrer Zeit gefunden, das dürfte auch bei den kommenden Generationen der Fall sein. Die Frage ist, mit wie vielen unguten Nebengeräuschen das gelingen wird.