
Ein paar Eindrücke vorneweg:
- Bei seiner Moderation des Wallenstein-Umzugs empfiehlt Jürgen Kolb ein Buch und rät, es bei Amazon zu bestellen – bekommt dann aber gerade noch die Kurve und ergänzt: „…oder beim örtlichen Buchhändler.“
- Auch die Stadt soll immer wieder mal bei Amazon einkaufen – heisst es. Das ist auch logisch, die Preise sind einmalig günstig und überall muss gespart werden. Amazon ist so stark und bietet so günstig an, dass kein Einzelhandel mithalten kann.
So schnell kann’s manchmal gehen!
Kaum hat die neue Legislatur angefangen und alle und alles hat sich erstmal sortiert – schwupp liegt der erste Antrag auf dem Tisch – bzw. er kam per Mail und dann in großer Aufmachung in der Memminger Zeitung.
HIER der Antrag der CSU/FDP und des CRB.
Die Forderungen aus dem Antrag:
- Am Schrannenplatz für alle Verkehrsteilnehmer auch die Fahrt von Osten nach Westen dauerhaft zu ermöglichen
- auf dem Weinmarkt temporär in der Zeit vom 1. November bis Ende Februar jeden Jahres die Durchfahrt von Ost nach West für alle Verkehrsteilnehmer zuzulassen
- eine Imagekampagne und ein nachhaltiges Marketing für die gute Erreichbarkeit mit Parkmöglichkeiten unserer Innenstadt zu entwickeln und im Tagespendelbereich zu präsentieren.
Fangen wir mit dem Positiven an: bei Punkt drei sind wir sofort dabei. Die „gute Erreichbarkeit mit Parkmöglichkeiten in unserer Innenstadt“ zu bewerben ist notwendig und sinnvoll. Da könnten wir gemeinsam an einem Strang ziehen, um die vielen positiven Aspekte zu betonen und nicht immer nur die negativen Stimmen zu verstärken.
Aber wenn die Innenstadt gut erreichbar ist und Parkmöglichkeiten vorhanden sind, erübrigen sich eigentlich die ersten beiden Punkte.
Aus dem Antrag: Gleichzeitig zeigt sich jedoch, dass viele Bürgerinnen und Bürger sowie auswärtige Besucher die Erreichbarkeit der Innenstadt weiterhin als erschwert empfinden.
Da stellt sich schon die Frage: ist die Erreichbarkeit tatsächlich erschwert oder wird das nur so empfunden? Entsprechend der ersten beiden Punkte „empfinden“ das die Antragsteller*innen genauso? Oder können sie es mit Fakten belegen? Und was sind „viele“ Bürgerinnen und Bürger? Oder meinen die Antragsteller mit „Bürgerinnen und Bürger“ diejenigen, die sich am lautesten beschweren: Gastronom*innen (wie viele denn davon) und Einzelhändler*innen (wie viele denn davon)?
Wir kennen im Gegensatz dazu viele Menschen, auch aus dem Umland, die Memmingen und die Innenstadt gut erreichbar finden und gerne nach Memmingen kommen. Ich würde mal sagen „Viele“, obwohl das ein sehr starkes Empfinden ist.
Es ist schon fast rührend, wenn die Antragsteller*innen denken, mit der Öffnung von zwei Straßen den Memminger Einzelhandel/Gastronomie zu retten/zu helfen. Wenn dem so wäre: dann sind wir sofort dabei und sind auch bereit für weitergehende Maßnahmen: Autoverkehr auf dem Marktplatz, in der Fußgängerzone um dort dem Leerstand zu begegnen (Manchmal kann man ob der „Empfindungen“ nur noch satirisch reagieren). Dem Einzelhandel geht es ja wahrlich nicht gut – die Gründe weiter unten.
Bei den Gastronom*innen ist es für uns vollkommen unrealistisch, dass mehr Autoverkehr hilfreich sein soll. Sie sollen ja raus aus dem Auto und auf den Platz und die dadurch mögliche zusätzliche Freifläche genießen.
Aus dem Antrag: Die beiden Stadtratsfraktionen sind überzeugt, dass eine gute Erreichbarkeit und eine hohe Aufenthaltsqualität keine Gegensätze sind, sondern gemeinsam den Erfolg der Memminger Innenstadt sichern.
Das sehen wir auch so und sehen dies durch die getroffenen Maßnahmen hervorragend erreicht und umgesetzt. Es besteht keine Notwendigkeit, dies zu ändern.
Wir, DIE LINKE lehnen beide Forderungen der Antragsteller*innen ab. Beide Maßnahmen wurden nach langer und ausführlicher Diskussion in demokratischer Abstimmung entschieden. Wir lehnen diesen Antrag schon allein aus formalen Gründen ab.
HIER unsere Überlegungen:
- Die Stadt ergebt eine Evaluation zu den neuen Verkehrsführungen am Weinmarkt und Schrannenplatz. Diese Erhebung muss abgewartet werden. Es ist „unredlich“ ohne diese Erhebung eine Entscheidung herbeiführen zu wollen.
- Eine mehrmalige Änderung der Durchfahrtsregeln am Weinmarkt im Jahr halten wir für nicht umsetzbar. Es ist – wie es aussieht – für viele Autofahrer schwierig sich an neue Regeln zu geöhnen. Dies zweimal im Jahr halten wir für sehr schwierig
- Wir können uns nicht vorstellen, welche Vorteile eine Durchfahrt des Weinmarktes bringen soll, wenn dort nicht gleichzeitig Parkplätze entstehen.
- Wir finden es schwierig, demokratisch getroffene Entscheidungen ohne wirklich neue Zahlen und Fakten rückgängig machen zu wollen. Dies schliesst die Stadtordnung eigentlich aus.
- Wir sind sehr dafür, dass die Beschilderung deutlich verbessert wird, vor allem zu den Parkhäusern. Wir unterstützen jede Aktion von Gutscheinen für Parkhäuser. Dort gibt es immer Plätze und er macht lange Parkplatzsuche überflüssig.
Unsere Einschätzung: es ist schon bezeichnend, dass sich die CSU für ihren ersten Antrag den CRB als Partner herausgesucht hat. Man kann sagen, das werden gleich mal „Nägel mit Köpfen“ gemacht. Da CSU/FDP/CRB/AfD eine Mehrheit von 21 Sitzen haben, wird dieser Antrag gleich mal die Nagelprobe für das, was im neuen Stadtrat so möglich ist. Die schönen Worte vom Wahlkampf was Klima / Umwelt und demokratischen Zusammenhalt betrifft, sehr schal.
HIER Bericht zur Eröffnung des umgestalteten Weinmarktes auf der Internetseite der Stadt. Hier ist aus der wirklich schönen Rede von Frau Böckh und von Svenia Rosette, Sachgebietsleiterin Städtebau von der Regierung von Schwaben („Die Stadt Memmingen sei gerade im Bereich der Stadtentwicklung sehr vorbildlich.“) zitiert.
Der Einzelhandel
Der Einzelhandel hat es wahrlich nicht leicht und er wird in der gewohnten Form auch so nicht weiter bestehen. Wie sollen vor allem die kleinen Einzelhändler mit dem aggressiven Auftreten von amazon (und anderen Internetketten) was Preisgestaltung / Werbung / kostenlose Rücknahme und Ausbeutung von Angestellten und Scheinselbstständigen betrifft, mithalten können?
Hier nochmal die Gründe, warum der Einzelhandel in der Form nicht mehr so weitergehen wird:
- der Internethandel mit amazon an der Spitze. Es ist einfach viel bequemer vom Sofa aus zu bestellen und preislich sowieso unschlagbar. Wer bestellt denn nicht bei amazon?
- die großen Einkaufszentren in allen Städten vor der Stadt, im Nachhinein Fehler aus der Vergangenheit, aber auch diese Einkaufszentren werden Probleme bekommen.
- die hohen Mieten für die Einzelhändler in den Innenstadtlagen
- die Einzelhändler haben den Internethandel verschlafen und wurden da von IHK und auch den Kommunen allein gelassen
- niemand will mehr 6 Tage in der Woche im Laden stehen, daher schließen die kleinen Inhabergeführten Betriebe nach und nach, übrig bleiben die Ketten
- es finden sich auch immer schwerer Arbeitskräfte für die kleinen Läden, In der Industrie gibt es 5-Tage Woche und Samstag und Sonntag sind frei
- Die Sortimente werden immer umfangreicher, daher kann der kleine Laden nur einen Bruchteil vorrätig halten: im Internet gibt es ALLES und das SOFORT. Das ist die Freiheit des Konsums.
Es werden in den Städten nur noch die Geschäfte bleiben, die man nicht ins Internet verlagern kann: Friseure, Nagelstudios, Tätowierer, Brillengeschäfte – dies ist jetzt schon deutlich zu sehen. Also all die Bereiche, die den Menschen noch als Mensch vor sich brauchen.
Noch ein Wort zu den Gastronomen: da werden die Betriebe immer mehr (wegen der hohen Aufenthaltsqualität) und sie profitieren von den erweiterten Sitzmöglichkeiten im Sommer, zumindest macht es so den Eindruck. Wenn man sich allerdings die Essens- und Getränkepreise anschaut, ist es manchmal schon nachvollziehbar, dass sich einige das Essen in der Wirtschaft überlegen und immer mehr es sich einfach nicht mehr leisten können. Die immer höheren Preise für Lebensmittel treffen die Gastronomen, aber vor allem auch die Menschen mit kleinem Geldbeutel.
Die obsolete Stadt

Hier mal ein Forschungsprojekt der Universität Kassel zum Wandel der Städte. Statt sich diesen „gestrigen“ Kampf um ein paar Straßen zu leisten, sollten wir uns Gedanken machen, wie rasant sich die Städte ändern werden und wie wir das eventuell gestalten können.
Davor muss man aber keine Angst haben: Städte haben sich oft sehr schnell und sehr grundlegend geändert. Dies wird in diesem Buch auch sehr gut dargestellt. Memmingen wurde 1128 das erste mal erwähnt, Autos gibt es seit 100 Jahren, vermehrt seit 70 Jahren. Jetzt geht es auch darum, Autos, Fahrrädern und Fußgängern einen gleichberechtigten Raum zu verschaffen.
Es wird ganz konkret für Stadtteile in Hamburg untersucht, welche Änderungen auf uns zukommen (dies gilt im Kleinen dann auch für Memmingen). Gebäude werden überflüssig, geplante Flächen werden überflüssig usw.
Wir werden demnächst hier eine Zusammenfassung vorstellen.
Noch ein Wort zur Memminger Zeitung
Das Thema „Weinmarkt“ liegt der Memminger Zeitung sehr am Herzen. Es kommt selten vor, dass ein Antrag einer oder mehrerer Fraktionen in dieser Form auf der ersten Seite präsentiert wird. Wir freuen uns, wenn die Memminger Zeitung diesen Prozess konstruktiv begleitet und andere Meinungen in der gleichen Form berücksichtigt, damit sich alle Bürgerinnen und Bürger ein objektives Bild machen können. Dafür möchten wir uns hier schon mal ganz herzlich bedanken.

Erste Ansätze Verkehrsfluss Auto
Hier mal erste Ansätze zur Diskussion Erreichbarkeit Innenstadt. Dies werden wir in einem weiteren Artikel ausführlich darstellen.

Hier mal als Überblick die Parkhäuser und die Parkplätze in der Innenstadt. Dies werden wir im nächsten Schritt genauer ausarbeiten mit Erreichbarkeit von allen Richtungen. In der Bildmitte der weisse Strich mit den zwei Punkten am Ende – das sind zur Orientierung 100 m.

Hier als Beispiel der Illerpark mit dem Parkplatz. Auch hier muss ich – je nachdem wo ein Parkplatz frei ist bis zu 100 m und mehr zum Eingang laufen, dann noch innerhalb des Gebäudes.
Aber beides Innenstadt und Industriegebiet haben unterschiedliche Funktionen: im Industriegebiet kaufe ich bewusst ein, in der Innenstadt kann man „flanieren“ und wenn die Möglichkeiten da sind, noch etwas einkaufen. Von daher sind Schuhgeschäfte, C&A, Reischmann und Karstadt als „größere“ Kaufhäuser wichtig. Aber auch da wird man sehen, wie lange die noch wegen des geänderten Einkaufsverhaltens bestehen werden.
Der Autofahrer
Bei den den immer höheren Benzinkosten (und sie werden nicht weniger werden), wäre es wichtig zu überlegen, welche Fahrten mit dem Auto ich tatsächlich machen muss. Das ist für Bewohner in der Stadt Memmingen einfacher, da können viele Fahrten mit dem Fahrrad gemacht werden. Aber auch Fahrten aus dem Umland können effektiver gestaltet werden. Auch hier ist zu überlegen, wie kann ich Einkäufe bündeln.
Jede Änderung der Verkehrsführung bedingt ein anderes Fahrverhalten. Es stimmt, dass einige Fahrten länger werden. Aber jeder sollte sich überlegen, wieviele Fahrten gemacht werden, die es einfach nicht braucht. Hier liegt unserer Meinung nach ein viel größeres Einsparpotential.
Und noch etwas: jede Änderung braucht Zeit. Es dauert in der Regel bis zu einem Jahr, bis man die Änderung soweit „im Kopf/Gefühl“ hat, dass man darüber nicht mehr nachdenken muss. Und bis man für sich die beste Lösung gefunden hat. Diese Zeit sollte man sich nehmen und dann die Änderung beurteilen und bewerten. Jede Änderung ist auch eine Chance.