Vor den Ferien

Wir lassen die (Fest) Woche vor den Ferien hier nocheinmal Revue passieren mit dem Schwerpunkt Wallenstein. WIR WÜNSCHEN DENEN DIE FREI HABEN, SCHÖNE FERIEN, EINEN SCHÖNEN URLAUB – DENEN DIE ARBEITEN MÜSSEN EINEN TROTZDEM ANGENEHMEN MONAT.

Die Memminger „Festwoche“ bekommt alle vier Jahre eine Woche „Wallenstein“ dazu, so auch dieses Jahr.

Die Festwoche startet jedes Jahr mit dem schönsten Fest: dem KINDERFEST am Donnerstag. Ein ganzer Festtag für die Memminger Grundschüler. Man sieht es an vielen Gesichtern dass es Kindern und Lehrer*Innen Spass macht.

Am Freitag folgt dann der Fischertags-Vorabend, mit super ausgelassener Stimmung in der ganzen Stadt und viel toller Musik auf vielen Plätzen. Am Samstag dann der „traditionelle“ Fischertag mit der Krönung des neuen Fischerkönigs. Für viele Memminger der Höhepunkt des Jahres, seit einigen Jahren auch für einige Memmingerinnen, sie dürfen ja jetzt auch in den Stadtbach „jucken“.

Alle vier Jahre wieder. Die Wallenstein-Woche ist vorbei. Es ist eine bewundernswerte Leistung des Fischertagsvereins alle 4 Jahre dieses Spektakel mit über 4000 Mitwirkenden (aus ganz Europa) auf die Beine zu stellen. Die Umzüge mit den vielen Pferden, die Aufführungen, das Lagerleben sind eine große Leistung der vielen Darstellerinnen und Darstellern. Hut ab.

Trotzdem wirkt es etwas aus der Zeit gefallen. Es wird zwar immer wieder von den Verantwortlichen betont, es gehe nicht darum, Wallenstein zu verherrlichen, sondern das „Glück“ von Memmingen in der schrecklichen Zeit darzustellen. „Die Memminger spielen Memminger Geschichte. Sie spielen EINE Geschichte der Stadt, es gäbe viele Geschichten zu erzählen, warum es genau diese mit Wallenstein wurde ist schon interessant.

Wenn es denn so einfach wäre: natürlich wird Wallenstein wenn nicht verherrlicht, so doch in den Mittelpunkt gestellt. ER ist Namensgeber, ER zieht pompös in die Stadt ein, mit viel „Militär“ und viel „Kriegsgerät“. Es wird beim Einzug viel erzählt, aber kein Wort über die wirklichen Schrecken dieser Zeit, über die Not und das Elend das der Krieg über Mitteleuropa brachte.

Das ist besonders problematisch in Zeiten, wo es wieder Krieg in Europa und vermehrt in der Welt gibt. Ein paar Worte zu Frieden und Demokratie täten der gesamten Veranstaltung gut, vielleicht auch begleitend eine Ausstellung zum 30-jährigen Krieg. Oder wie es eine Leserbriefschreiberin betont: die militärische Inszenierung der Festspiele zu überdenken.

Es wird von den Veranstaltern immer wieder betont, dass es genau nach historischen Vorbild abläuft – es wird aus dem Umzug heraus nicht gewunken, da beim Einzug 1630 den Bürger empfohlen wurde zu Hause zu bleiben und die Türen geschlossen zu halten und daher gibt es auch keine Blaskapellen. Es wird auch immer wieder auf die nach genauem historischen Forschungen entstandenen Kleider verwiesen. So entsteht dann oft einen der Eindruck: eine historische Modenschau mit Kriegsgerät – es ist schön anzusehen.

Man muss sich die Zeit von 1618 – 1648 immer wieder in seiner Gesamtheit vor Augen führen: Dreissig Jahre Krieg, 30 Jahre Zerstörung, 30 Jahre Tod, 30 Jahre Krankheit und Hunger. Es gibt wenig Gebäude aus der Zeit vor 1648, so flächendeckend wurde zerstört.

Der 30-jährige Krieg gilt als eine der verheerendsten Katastrophen der europäischen Geschichte. Was als Konflikt zwischen katholischen und protestantischen Fürsten im Heiligen Römischen Reich begann, entwickelte sich rasch zu einem Machtkampf der europäischen Großmächte. Religion diente dabei häufig als Begründung, während politische Interessen, territoriale Expansion und dynastische Machtansprüche das Handeln vieler Herrscher bestimmten. Wallenstein war kein Herrscher und trotzdem einer der Hauptakteure in dieser Zeit, so mächtig, dass er den Herrschern zu mächtig wurde. Er wurde abgesetzt und letztendlich ermordet.

Der Dreißigjährige Krieg war für die Reichsstadt Memmingen eine Zeit großer Not, geprägt durch Truppeneinquartierungen, vier schwere Belagerungen und Seuchen. Als protestantisch geprägte Stadt litt Memmingen unter dem Wechsel zwischen schwedischen und kaiserlich-katholischen Besatzern.

Die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) umfassten massive Bevölkerungsverluste, extreme Gewalt durch Söldnerheere sowie verheerende Seuchen und Hungersnöte. Rund ein Drittel (in manchen Gebieten mehr als die Hälfte) der Bevölkerung im Heiligen Römischen Reich kam ums Leben.

Von Wallensatein wurde das Prinzip „Der Krieg ernährt den Krieg“ eingeführt: Söldnerheere versorgten sich mangels staatlicher Logistik direkt auf Kosten der Zivilbevölkerung.

Städte und Dörfern wurden zerstört, ganze Landstriche entvölkert, Höfe niedergebrannt und die wirtschaftliche Existenzgrundlage ganzer Regionen ausgelöscht. Willkür und Terror waren an der Tagesordnung: Plünderungen, Brandstiftungen, Folter und Vergewaltigungen gehörten für die Zivilbevölkerung zum blutigen Alltag.

Missernten und Raubzüge waren die Folge. Da Felder zerstört und Vorräte gestohlen/beschlagnahmt wurden, kam es zu extremen Hungersnöten. Krankheiten waren die direkte Folge. Durchziehende Truppen schleppten Seuchen wie die Pest und den Fleckfieber ein, die weit mehr Todesopfer forderten als die direkten Kampfhandlungen.

Es kann von einem kollektiven Trauma gesprochen werden: Der lange Konflikt grub sich tief in das Gedächtnis der Bevölkerung ein und prägte über Generationen hinweg die Menschen, ein Angstgefühl vor dem totalen Zusammenbruch machte sich breit. Es folgte ein jahrzehntelanger Stillstand. In vielen Regionen dauerte es fast ein Jahrhundert, bis sich die Wirtschaft und die Einwohnerzahlen wieder erholten.

Egon Friedell fasst in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit den 30-jährigen Krieg in einem Satz zusammen:

Während die Barockkultur sich anschickt, ihre ersten dunklen Blüten zu entfalten, sieht man in einem östlichen Winkel Mitteleuropas einen wilden Krieg aufflammen, der, an plötzlichen Zufällen entzündet und doch aus den tiefsten Untergründen der Zeitseele hervorbrechend, sogleich gierig weiter rast, sich unaufhaltsam in den halben Erdteil hineinfrißt und, launisch bald hier, bald dort emporlodernd, Städte, Wälder, Dörfer, Felder, Kronen, Weltanschauungen in Asche legt, schließlich aber nur noch seinem eigenen Gesetz gehorcht, indem er wahllos überallhin züngelt, wo er noch Nahrung vermutet, bis er eines Tages ebenso rätselhaft verlischt, wie er entbrannt war, als einzige große Veränderung nichts hinter sich lassend als eine ungeheure gespenstische Leere: zerbrochene Menschen, beraubte Erde, tote Heimstätten und eine entgötterte Welt.

Die MEWO-Kunsthalle bot das visuelle und inhaltliche Kontrastprogramm zu Wallenstein. Auch in diesem Projekt geht es um Vergangenheit. Nicht direkt um Memminger Vergangenheit sondern um die koloniale Vergangenheit des Westens. In der Anfangszeit um 1500 waren auch schwäbische (Fugger, Welser) und Memminger Handels-Familien (Vöhlin) indirekt mit finanziellen Mitteln und Handel beteiligt.

Es war eine beeindruckende (und auch bedrückende) Performance am Freitag den 31.07. in der MEWO-Kunsthalle. Koloniale Vergangenheit, Elend, Krieg, das Leid der Menschen war nahezu körperlich erfahrbar und spürbar.

Es lohnt sich hinzugehen und die in der Performance entstandenen Werke anzuschauen. Von der Performance gibt es einen Film, dazu weitere Werke der Künstler.

Hier einige Bilder der Performance.



Schatten der Vergangenheit von Beverley Onyangunga, Filip Anić & Kennedy Muntanga

1. August 2026 bis 22. November 2026 in der MEWO-Kunsthalle
Eröffnung mit Performance: Freitag, 31. Juli 2026, 19 Uhr, Eintritt frei!

‚Schatten der Vergangenheit‘, in der MEWO Kunsthalle in Memmingen, ist der erste Teil des fortlaufenden Performance- und Ausstellungsprojektes ‚Shadows of the Free State‘, das von Beverley Onyangunga, Filip Anić und Kennedy Muntanga für Ausstellungsorte in Deutschland, dem Vereinigten Königreich und in Kroatien entwickelt wurde.
Thematischer Ausgangspunkt ist die koloniale Geschichte des Kongo-Freistaats – von 1885 bis 1908 ein formal unabhängiger Staat in Zentralafrika, der jedoch als Privatbesitz unter der absoluten Kontrolle des damaligen belgischen Königs Leopold II. stand. Die zu dieser Zeit begangenen Verbrechen resultierten schon früh in internationalen Protesten, doch die kolonialistische Ausbeutung von Menschen und Bodenschätzen setzt sich bis heute fort.
Schatten dieser Vergangenheit verfolgen uns bis in die Gegenwart. Eventuell kann eine Auseinandersetzung mit dieser Geschichte dazu beitragen, unsere eigene Zeit besser zu verstehen und Verhaltensmuster zu begreifen. Doch Vergangenheit wird nicht allein durch Geschichtsschreibung erschlossen, teilweise überdauern auch Erfahrungen. So werden die Traumata der Opfer und Täter vererbt und beeinflussen die Wahrnehmung und das Tun der nachfolgenden Generationen.            
(Text und Bilder Internetseite MEWO.Kunsthalle.

Ein hochaktuelles Buch zum Thema Gewalt und Krieg. Es widerlegt eindrucksvoll die These, dass Gewalt und Krieg in der menschlichen Natur – sozusagen in den Genen – angelegt sind. Im Gegenteil: Wir Menschen sind zutiefst solidarische und empathische Wesen, ansonsten hätten wir nicht überleben können.

Klappentext

Warum Krieg kein Schicksal ist. Das Unvorstellbare ist eingetreten: Der Krieg ist zurück – und bedroht uns alle. War der lange Frieden in Europa nur ein kurzes Intermezzo? Ereilt uns nun das Schicksal, weil wir nicht gegen unsere kriegerische Natur ankönnen? Höchste Zeit, den evolutionären Wurzeln der Gewalt nachzuspüren. Die drei Autoren brechen zu einer Menschheitsgeschichte der anderen Art auf. Sie präsentieren die aktuellen Forschungen über Schimpansen und Bonobos, spüren der Archäologie von Mord und Totschlag nach und zeigen, wie der Krieg Despoten und Staaten, aber auch Götter groß machte. Ihre Botschaft: Wir sind nicht zum Krieg verdammt, fallen ihm jedoch, wenn wir nicht aufpassen, nur allzu leicht zum Opfer.

Siehe auch Graeber, Wengrow: Anfänge

Als am 23. Mai 1618 protestantische Adelige die Statthalter des römisch-deutschen Kaisers Ferdinand II. aus den Fenstern der Prager Burg stürzten, konnte niemand ahnen, was damit seinen Anfang nahm: der längste Krieg auf deutschem Boden, zugleich der erste «europäische Krieg». Fesselnd erzählt Herfried Münkler vom Schwedenkönig Gustav Adolf, von großen Feldherrn wie Wallenstein oder Tilly, von geschickter Bündnispolitik, dramatischen Schlachten und einer nie dagewesenen Gewalt. Dabei behält er unsere Zeit im Blick: Besser als alle späteren Konflikte läßt uns dieser die Kriege der Gegenwart verstehen. Münklers Bestseller wurde von der Presse als neues Standardwerk gefeiert.

Die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges sind über Jahrhunderte im kollektiven Gedächtnis präsent geblieben. Millionen von Menschen kamen ums Leben, manche Gegenden im heutigen Deutschland und seinen Nachbarstaaten wurden regelrecht entvölkert. Ausgehend vom Schicksal eines schwedischen Zeitgenossen schildert Peter Englund, wie der Krieg die Kultur, die Gesellschaft und die Geschichte in Europa geprägt hat und wie er die Menschen formte, die in seinen Mahlstrom hineingezogen wurden.
«Englund vollbringt das Kunststück, die Ereignisse dieses ersten europäischen Krieges von den Staubwolken zu befreien, um sie dem Leser fast greifbar nahezubringen.»
Deutschlandfunk

Während die Barockkultur sich anschickt, ihre ersten dunklen Blüten zu entfalten, sieht man in einem östlichen Winkel Mitteleuropas einen wilden Krieg aufflammen, der, an plötzlichen Zufällen entzündet und doch aus den tiefsten Untergründen der Zeitseele hervorbrechend, sogleich gierig weiter rast, sich unaufhaltsam in den halben Erdteil hineinfrißt und, launisch bald hier, bald dort emporlodernd, Städte, Wälder, Dörfer, Felder, Kronen, Weltanschauungen in Asche legt, schließlich aber nur noch seinem eigenen Gesetz gehorcht, indem er wahllos überallhin züngelt, wo er noch Nahrung vermutet, bis er eines Tages ebenso rätselhaft verlischt, wie er entbrannt war, als einzige große Veränderung nichts hinter sich lassend als eine ungeheure gespenstische Leere: zerbrochene Menschen, beraubte Erde, tote Heimstätten und eine entgötterte Welt.

Zitet aus dem Buch zum 30-jährigen Krieg

Andreas Gryphius (Tränen des Vaterlandes, 1636): „Wir sind nun ganz verheer’t! / Der frechen Völker Schar, / Die rasende Posaun’, / das ungedämpfte Schwert, / Der Teufel hat sich hier / mit Mord und Brand vermischt.“

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