amazon – Arbeitsplätze und Steuern?!

So wie es ausschaut, wird sich amazon am Flughafen in Memmingerberg ansiedeln. Im Stadtrat Memmingen gab es keine Diskussion, weil das „Grundstückgeschäft“ in dieser Form nicht zustande kommt.

Wir – Die Linke. finden dieses Vorgehen skandalös, da der Prozess damit einer politischen Diskussion entzogen ist. Der Flughafen konnte nur überleben, weil die Landkreise und Kommunen durch die Beteiligung an den Grundstücken die finanziellen Mittel bereitstellten. Jetzt eine Stunde vor Sitzung durch ein Mail derart vor den Kopf gestoßen zu werden, zeigt vieles – zumindest keinen guten Stil.

Und die Ansiedlung wird damit nicht weniger problematisch. Es geht uns ja in erster Linie nicht um die Beteiligung der Stadt, sondern darum zu diskutieren ob es Sinn macht für die Region, wenn sich amazon hier ansiedelt.

HIER unser erster Artikel zu amazon mit vielen weiteren Informationen

Von den Befürwortern werden vor allem zwei Argumente ins Feld geführt:

  • Arbeitsplätze
  • und Gewerbesteuern

Wir beschäftigen uns hier mit diesen beiden Aspekten, weil auch diese beiden Punkte immer FÜR die Ansiedlung von amazon ins Feld geführt werden.

Zum Thema ARBEITSPLÄTZE

Hier in Memmingen: im Lager werden laut amazon 137 Arbeiter benötigt bei 20 Managementpositionen – allein schon ein krasses Mißverhältnis. “Lieferpartner” – welch ein Wort für die scheinselbständigen AusFahrer – sollen es 385-620 Mitarbeiter sein.

Insgesamt benötigt Amazon zumindest jetzt ca. 700 Mitarbeiter. Laut Arbeitsamt sind in Memmingen 106 und im Unterallgäu 247 Menschen mit geringer Qualifikation arbeitslos. „Das wäre eine Chance für diese Menschen“ – Herr Iqbal von der Arbeitsagentur Memmingen.

Wir sehen das anders:

  • die Anforderungen bei amazon sind hoch – siehe unten – die (Langzeit) Arbeitslosen werden dies nicht erfüllen können
  • es werden billige, leistungswillige Menschen aus Osteuropa angeworben, die dann in Memmingen und Umgebung Unterkunft brauchen
  • über kurz oder lang fallen diese Arbeitsplätze weg – siehe unten
  • Arbeitsplätze in der Logistik ohne Ausbildung haben wir genügend in Memmingen
  • wir sehen hier den hohen Flächenverbrauch der Logistik-Firmen bei vergleichsweise wenig Angestellten (Dachser in Memmingen ca. 150.000m2 – Dachser hat bei einem Umsatz von 5,66 Mrd. 30995 Mitarbeiter (2019)

Automatisierung vernichtet Arbeitsplätze – die Fakten

Die Automatisierung in der Logistikbranche schreitet allerdings schnell voran – und wird sehr mittelfristig kaum noch Arbeitskräfte benötigen:

Nach Angaben des amerikanischen Beratungsunternehmens ABI Research werden im Jahr 2025 bis zu vier Millionen Roboter und Maschinen in mehr als 50.000 Lagern der Logistikbranche weltweit im Einsatz sein, gegenüber den 4.000 im Jahr 2018. 

Amazon verfügt weltweit inzwischen über 100.000 Transportroboter, Tendenz stark steigend. Scott Anderson von amazon erklärt, dass die Technik noch ungefähr zehn Jahre davon entfernt ist, Bestellungen vollkommen automatisiert und ohne jegliche Mitwirkung von menschlichen Mitarbeitern abzuwickeln.

Die Automatisierung der Prozesse rechnet sich für die Unternehmen. Laut TCW Transfer-Centrum für Produktions-Logistik und Technologie-Management GmbH in München amortisieren sich die Kosten der Automatisierung 3 – 6 Jahren

Eine Analyse der Beratungsgesellschaft PwC (PriceWaterhouseCoopers) führt aus: Die Automatisierung von Logistikprozessen senke die Kosten um 47 Prozent. Vier Fünftel der Kostensenkungen sind mit Einschnitten beim Personal in der Logistikbranche verbunden.

In der Transportlogistik geht es langsamer: deshalb braucht es  in Memmingen bei amzazon selbst nur ca. 137 Arbeiter, bei den Ausfahrern aber 385-620 Mitarbeiter. In Kalifornien werden selbstfahrende Fahrzeuge bereits getestet. Die sogenannte Zustellung auf der letzten Meile macht 30% aller logistischen Kosten aus und ist damit für Innovationen prädestiniert.

HIER: Logistik von Morgen mit Drohnen und selbstfahrenden LKW

„Automatisierung“ bereits vollständig erreicht

In einem Punkt hat Amazon aber bereits die Automatisierung vollständig erreicht: beim Entlassen von Mitarbeitern.  Da errechnet der Computer bereits heute, wer nicht produktiv genug ist, und verwarnt und entlässt vollkommen automatisch. Der Vorgesetzte muss nur noch gegenzeichnen – Das berichtet The Verge in “Wie Amazon Lagerarbeiter automatisch verfolgt und entlässt..” The Verge ist eine 2011 von Wissenschaftlern gegründete Initiative um zu untersuchen, wie Technologie das Leben in Zukunft verändern wird. HIER der Artikel.

Amazon entlässt jährlich mehr als 10 Prozent seiner Mitarbeiter, allein aus Produktivitäts-Gründen – Tausende verlieren ihre Jobs, weil sie Pakete nicht schnell genug verschieben.

Auch verdi berichtet von diesen Aktivitäten in Deutschland: der Überwachung, Ausspionieren und Kontrolle der Arbeiter und das hat nichts damit zu tun – ich zitiere Herrn Schulz aus der Memminger Zeitung „amazon als Böse darzustellen, wie das die Gewerkschaft Verdi mache.” Firmen die Betriebsräte und Gewerkschaften verhindern und bekämpfen sind für uns inakzeptabel.

  • HIER Verdi: Behandeln Sie die Amazon-Mitarbeiter/innen fair!
  • HIER Verdi: seit einem Jahr Streiks bei amazon
  • HIER Verdi: Hotspot Versandzentren

Zum Thema STEUERN / Abgaben und Subventionen

Zu diesem Thema sind die Zahlen äußerst spärlich

USA

Zitate und Zahlen aus Heise Medien Hannover vom 07.02.2020

2018 hat Amazon in den USA bei 11 Milliarde Gewinnen keinen Cent an Steuern gezahlt, dafür aber Steuerrückerstattungen von 137 bzw. 129 Millionen US-Dollar erhalten 

2019 zahlte der Konzern gerade einmal 162 Millionen US-Dollar an Steuern. Das entspricht bei Gewinnen von 13 Milliarden gerade mal einem Steuersatz von 1,2 Prozent, 

Steuern und Abgaben Deutschland

In Deutschland liegen folgende Zahlen vor – veröffentlicht von amazon selbst zitiert nach “online-Händler news vom 03.07.2020:

“In dem Jahr – gemeint ist 2019 –  so das Unternehmen, habe man Umsätze in Höhe von 19,9 Milliarden Euro, die anfallenden Abgaben sollen sich dabei auf insgesamt 261 Millionen Euro belaufen haben. Das sind: Körperschaftsteuer, die Gewerbesteuer, der Solidaritätszuschlag und Einfuhrzölle und alle Beiträge zu den Sozialversicherungen. Amazon weist darauf hin, dass diese Arbeitgeberbeiträge den größten Anteil an der Summe ausmachen. Schätzungen gehen von der Zahlung von 70 Millionen Steuern aus – und zwar sind das dann alle Arten von Steuern und Zölle.

Das sind Gesamt-Abgaben auf den Umsatz von 1,31%

Laut Börsenblatt vom 03.02.2020 machte amazon 2019 weltweit einen Gewinn von 17,9 Milliarden. Deutschland hat einen Anteil am Umsatz von 7,9% – es ist daher nach USA der wichtigste Markt – das entspricht einem Gewinn in Deutschland von 1,41 Milliarden – und bei 70 Millionen Steuern einer Quote von 4,96%

Das mit den Unternehmenssteuern können man nur auf EU-Ebene lösen – so Schulz in der Memminger Zeitung. Das stimmt wahrscheinlich, wobei Deutschland aber ein gewichtiges Wort in Europa hätte – wenn sie denn wollen.

Was wir hier aber entscheiden können: einen Konzern, der extrem ausbeuterische Arbeitsverhältnisse praktiziert, der seine Mitarbeiter ausspioniert und nahezu keine Steuer zahlt aber die gesamte Infrastruktur nutzt: den wollen wir hier nicht haben.

Subventionen

Laut Süddeutscher Zeitung hat Amazon auch in Deutschland mindestens 14 Millionen Steuergelder erhalten – bis 2013 vor allem für Maßnahmen in den neuen Bundesländern

In den USA erhält amazon Milliarden von Zuschüssen und Steuernachlässen, z.B. bei einer Ansiedlung in New York.

HIER: Spiegel – Amazon bekommt zwei Milliarden Dollar Subventionen

Was uns schon klar ist

  • wenn amazon nicht in/bei Memmingen baut, baut es woanders – wir werden amazon nicht aufhalten – aber Memmingen mit dem Flughafen ist für amazon ideal
  • wir können nicht mehr darüber entscheiden – aber eine Diskussion ist trotzdem nötig
  • die Markt-Macht von amazon hängt auch von uns ab: wir kaufen dort ein, weil es einfach und praktisch ist – es unterstützt unsere Bequemlichkeit
  • amazon unterstützt auch die Hersteller – viele verkaufen nur noch über amazon – das kann ein Vorteil sein, aber je mehr Macht amazon hat, umso mehr kann es die Bedingungen diktieren
  • auch Einzelhändler können von amazon profitieren –
  • amazon unterstützt soziale Einrichtungen vor Ort – sie sollen ordentlich Steuern zahlen und sich nicht mit der „Wohltätigkeit“ ein soziales Mäntelchen umhängen
  • amazon verpflichtet sich, die Klimaschutzziele von Paris bereits 10 Jahre früher zu erreichen: bis 2040 100%. CO2 neutral, bis 2025 100% erneuerbare Energie, bis 2030 50% aller Sendungen co2 neutal auszufahren – amazon mit seinen finanziellen Mitteln wäre dazu auch in der Lage, aber, wie wir wissen, zwischen ankündigen und dann auch tatsächlich tun können Welten liegen.

Fazit

Das alles ist nötig in einem Wirtschaftssytem wo dort produziert wird, wo es am billigsten ist (Löhne) und wo die Auflagen am geringsten sind.

Das gesamte Wirtschaftssystem basiert auf billigem Transport. Nur so lohnt sich die Produktion in Billiglohnländern. Erst wenn die Transportkosten deutlich steigen (also z.B. alle Umweltschäden eingerechnet werden) lohnt sich eine regionale Produktion durchsetzten können.

LINKS zu den angesprochenen Punkten

  • HIER TCW – Konzepte und Lösungen von morgen
  • HIER The Verge: Wie Amazon Lagerarbeiter automatisch verfolgt und entlässt, um die Produktivität zu steigern
  • HIER Amazon-Kurierfahrer werden – das muss du wissen
  • HIER Weser-Kurier: Paketboten erheben Vorwürfe gegen Amazon-Subunternehmen
  • HIER: Logistik von Morgen mit Drohnen und selbstfahrenden LKW
  • HIER Trans.Info: Automatisierung in der Logistik. Wird der Beruf des Spediteurs verschwinden?
  • HIER Zeit: Zukunft der Arbeit – die Arbeitslosigkeit kommt zurück
  • HIER Telepolis: Amazon zahlt Steuern – mit einem Steuersatz von 1,2 Prozent
  • HIER Online-Händler news: Steuerzahlung: Amazon nennt erstmals Zahlen für Deutschland
  • HIER: Spiegel – Amazon bekommt zwei Milliarden Dollar Subventionen
  • HIER Amazon Daten und Fakten
  • HIER Techtac: Market place – amazon in Zahlen
  • HIER BR: 16.12.2020 – Über 100 neue Jobs: Amazon will Verteilzentrum in Bayreuth bauen

Leserbriefe & Artikel

Artikel Memminger Zeitung

Stellvertretend für die vielen hier zwei Leserbriefe:

Memminger Zeitung 14.01.2021

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